Endlich finde ich eine ruhige Stunde, um Euch ein wenig zu erzählen. Daß ich in Florenz bin, kam so:
Eine mir befreundete Malerin, Frl. Gundrun, verließ neulich Basel, um für immer nach Italien zu gehen, und lud allerlei Bekannte und Freunde ein, sie für die Ostertage nach Florenz zu begleiten. Ich dachte nicht daran mitzugehen, bis am letzten Tag Frl. Bernoulli, eine andere Künstlerin, sich dafür begeisterte und mich zum Mitgehen überredete. Ich hatte eben noch Zeit, die Kleider zu wechseln, etwas Wäsche inzupacken und mitzufahren. Das war heute vor acht Tagen, Mittwoch abend 6 Uhr. Wir fuhren die Nach durch nach Mailand. Da wir alle drei kein Geld haben und alles dritter Klasse fahren, kamen wir ziemlich gerädert an, liefen aber doch den ganzen Donnerstag in Mailand herum und besuchten namentlich die Certosa di Pavia, die ich schon vor 2 Jahren sah. Freitag früh 7 bis abends 6 Uhr Bahnfahrt nach Florenz (via Bologna) ohne Aufenthalt. Hier sitzen wir nun, d.h. wir sitzen wenig, laufen vielmehr eifrig herum, auch in der schönen Umgegend. Es wir mir ganz merkwürdig, wie heimatlich ich mich hier von der ersten Stunde an wieder fühlte. Ich kenne hier Weg und Steg und hatte das Gefühl, nur von einer kurzen Abwesenheit hierher zurückzukommen. Für die zwei Mädchen fand sich ein altes schönes Prunkzimmer in einem großen Palast des 16. Jahrhunderts, lächerlich billig. Da ich meine Augen nicht angreifen mag, gehe ich fast gar nicht in die Galerien, sondern treibe mich in Gassen, Plätzen, Hallen, Wirtshäusern und Garküchen herum und lasse mir das Volksleben und namentlich die billige und delikate Küche gut bekommen. Leider muß Frl. Bernoulli am Sonntag früh schon wieder reisen (...)
Soviel für heute, meine Zeit ist um. Wir wollen nach San Lorenzo und später zu einem musikalischen Gottesdienst in der Annunziata gehen.
(Aus einem Brief vom 8. 4. 1903 an seine Familie in Calw)
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